Gewerkschaften und ostdeutsche Transformation
Mitgestaltung - Mitbestimmung?
Autor*innen: Inge Bieler, Rainer Fattamnn, Theodor Fock, Thomas Hentschel
Was bedeutete die deutsche Einheit für die Menschen in den Dörfern und Betrieben Ostdeutschlands? Hinter den großen wirtschaftlichen und politischen Entscheidungen der 1990er Jahre standen hunderttausende Beschäftigte, die innerhalb kürzester Zeit mit neuen Eigentumsverhältnissen, Arbeitsplatzverlusten, Umstrukturierungen und einer völlig veränderten Lebens- und Arbeitswelt konfrontiert wurden. Die im Rahmen des von der Hans-Böckler-Stiftung geförderten Projekts „Wendezeiten: Der ostdeutsche Agrarbereich 1989 bis 2000 – Privatwirtschaftliche Transformation und gewerkschaftliche Intervention“ entstandenen Beiträge zum Sammelband "Gewerkschaften und ostdeutsche Transformation" zeichnen diesen tiefgreifenden Wandel nach und gehen auf gewerkschaftliche Ansätze der damaligen Gewerkschaft Gartenbau, Land- und Forstwirtschaft (GGLF) ein, die später mit der IG BSE zur IG BAU fusionierte.
In dem Band sind folgende Beiträge aus dem Projekt enthalten:
Ingeborg Bieler: Arbeitsförderungsgesellschaften im ländlichen Raum. Von Auffanggesellschaften zu Agenturen der Regionalentwicklung?
Inge Bieler untersucht die Rolle von Arbeitsförderungsgesellschaften, die nach der Wende als Antwort auf den massiven Beschäftigungsabbau im ländlichen Raum entstanden. Sie zeigt, wie viele dieser Einrichtungen weit über ihre ursprüngliche Funktion als Auffanggesellschaften hinausgingen und wichtige Impulse für Regionalentwicklung, Beschäftigung und gesellschaftlichen Zusammenhalt setzten. Der Beitrag macht deutlich, dass erfolgreiche Transformationsprozesse häufig auf regionales Engagement, Kooperation und innovative Lösungsansätze angewiesen waren.
Rainer Fattmann und Theodor Fock: Umwandlung und Anpassung in Eigenregie? Die Transformation des ostdeutschen Agrarbereichs nach dem Systemwechsel 1989/90
Rainer Fattmann und Theodor Fock analysieren die Umgestaltung der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) und volkseigenen Betriebe nach 1989. Sie arbeiten heraus, dass die Transformation des Agrarsektors in vielen Fällen durch die Akteur*innen vor Ort selbst gestaltet wurde und sich damit von den Entwicklungen in anderen Wirtschaftsbereichen unterschied. Gleichzeitig verdeutlicht der Beitrag die sozialen Folgen des Strukturwandels, insbesondere den drastischen Rückgang von Beschäftigung und den Verlust etablierter sozialer Strukturen im ländlichen Raum.
Thomas Hentschel: Krise – Kooperation – tarifpolitische Innovation. Der Qualifizierungsfonds Land- und Forstwirtschaft als Instrument beruflicher Weiterbildung
Thomas Hentschel beschreibt die Entstehung des Qualifizierungsfonds Land- und Forstwirtschaft als innovatives Instrument sozialpartnerschaftlicher Zusammenarbeit. Der Fonds unterstützte Beschäftigte dabei, sich in einer Phase tiefgreifender Umbrüche beruflich weiterzuentwickeln und neue Perspektiven zu erschließen. Der Beitrag zeigt, wie Gewerkschaften und Arbeitgeber gemeinsam tragfähige Lösungen entwickeln konnten und welche Bedeutung Weiterbildung für die erfolgreiche Bewältigung von Transformationsprozessen besitzt.
Die Publikation verdeutlicht, dass die Transformation des ostdeutschen Agrarbereichs nicht allein das Ergebnis politischer und wirtschaftlicher Entscheidungen war. Sie zeigt vielmehr, welche zentrale Rolle die Gewerkschaften bei der Begleitung des Strukturwandels spielten: bei der Interessenvertretung der Beschäftigten, der Entwicklung arbeitsmarktpolitischer Instrumente, der Qualifizierung und der sozialverträglichen Gestaltung tiefgreifender Veränderungen. Dinge aus denen wir für aktuelle Transformationen einiges Lernen können.